Haltern - Kalkriese - Münster
 
Bericht einer Exkursion vom 1. - 2.5. 2012

Der Bogen war dieses Mal sehr weit gespannt; galt es doch, die zeitliche Brücke vom Beginn unserer Zeitrechnung über die Barockzeit bis auf unsere Jetztzeit gefahrlos zu überschreiten oder scherzhaft gesagt: Wie schafft man es, aus römischem Versagen in einer einzigen Schlacht im Jahre 9 n. Chr. noch etwas Gutes zu gewinnen, wenn man an Westfalen als Endprodukt denkt?

Die Konfrontation war  natürlich so nicht gewollt, aber die kleine Erkundung Münsters war durch die günstige Ortslage auf der geplanten Route ohne Umstände machbar – und soviel sei schon gesagt: keiner hat´s bereut!
Beginnen wir in der chronologisch richtigen Reihenfolge: die 24-köpfige Teilnehmergruppe mußte zwar trotz des Feiertages eine frühe Anreise in Kauf nehmen, erreichte aber so gegen 9.30 den kleinen Ort Haltern am See.
Die an ein Frühstück anschließende Führung vermittelte der Gruppe durch eine sehr kompetente Führerin, die eigenen Angaben nach als promovierte Althistorikerin an den archäologischen Grabungen in Haltern mitbeteiligt ist, einen regen Einblick in römisches Lagerleben. Denn genau darauf beschränkt sich in kluger Weise der Bestand dieses Museums.

Schon der Museumsbau ähnelt einem römischen Lager, einzelne gläserne Spitzdächer vermittelten den Eindruck von den Zelten eines „contuberniums“, der achtköpfigen Legionärsgemeinschaft, die für einander in Krieg und Frieden mitunter bis zu 20 Jahren aktiven Dienstes aufeinander angewiesen waren. Viele Fundstücke dieses Lagers waren in gläsernen Vitrinen ausgestellt und umspannten den Bogen von militärischer  Ausrüstung,  Ess- und Trinkutensilien, Luxusartikeln – wie gläserne Becher, terra sigillata - Stücken – Grabbeilagen usw.  Ein Clou dieser Ausstellung fiel sofort dem Betrachter ins Auge: Ein Lindwurm von Legionären zog sich durch das ganze Museum längs der Wände in etwa 3m Höhe, teilweise auch an den Fußleisten entlang. Es waren mindestens 12.000 Figuren; etwa 3000 warten noch auf ihre Aufstellung, wenn sich ein neuer Platz dafür findet. Dass die ganze Idee, sich die Länge eines Heerzuges von einer Legion einmal real vor Augen führen zu können, von den Machern der „Sendung mit der Maus“ (WDR) stammt, ist ein weiteres Ruhmesblatt dieser intelligenten Sendung (nicht) nur für Kinder. Und es ehrt die Firma Playmobil, dass sie aus dieser speziellen Herstellung keinen kommerziellen Nutzen ziehen will – denn diese farbenträchtige Truppe gibt es nicht zu kaufen!

Das Lager war das Sommerlager der XIX. Legion. Dass genau diese Legion zusammen mit noch zwei anderen, der XVII. und XVIII. Legion, ihren Tod in der Varusschlacht finden würde, machte unser nächstes Ziel dadurch noch sinnvoller.

Die anschließende Führung in den wahrscheinlich letzten Akt der dreitägigen Schlacht war ein bedrückendes Erlebnis. Geschickt hatte der Architekt für den Bau des Museums ein turmartiges, 27m-hohes Gebäude, das ausschließlich Stahl und Eisen als Materialien verwendete, errichtet. Auf diesem Schlachtfeld, das man von der Plattform des Gebäudes überblicken konnte, hatte schließlich das Eisen in Form der Waffen und Ausrüstungsgegenstände eine überwiegende Rolle bei den Fundstücken gespielt. Im Museum waren diese Funde in einer unglaublichen Mischung von real Vorhandenem und  detailgenauen Rekonstruktion hinter Glas aufgestellt; Diashows und computeranimierte Videos luden den Betrachter in die Vergangenheit ein. Selbst Kinder hätten ihren Spaß an interaktiven Spielen gehabt, die aber nie die Wissenschaftlichkeit außer Acht ließ. Und wenn die Ausstellung noch Fragen offen gelassen hätte – die ausgezeichnete Museumsführerin zeigte sich angesichts der technikbegeisterten und historisch vorgebildeten Gruppe hoch motiviert, aber auch wirklich alle Wissenslücken zu schließen.

Nach gut einstündiger Weiterfahrt über Osnabrück und Bramsche war der nach den neuesten Erkenntnissen wahrscheinlichste Ort der „Varusschlacht“ erreicht. Unübersehbar war schon auf der Autobahn das Logo dieses Museums: Eine auf dem Schlachtfeld ausgegrabene silberne Reitermaske. Sinnigerweise hieß auch das zum Museum gehörige Restaurant so, in dem die Gruppe ein stilvolles Römerbuffet zu sich nahm. Die Küche hatte einige Extravaganzen der altrömischen Küche bewußt nicht eingesetzt, weil diese wohl unsere Geschmacksnerven nicht amüsiert hätten. Wer dächte heutzutage schon daran, seine Speisen mit einem „liquamen“ zu würzen, dessen Grundbestandteile aus in der Sonne verfaulten und vertrockneten Makrelen stammten! Auch die Vorliebe, Gewürze auch für den zur Mahlzeit getrunkenen Wein zu verwenden, hätte heutige Genießer wohl vergrätzt.

Das Hotel lag in Osnabrück; trotz der Annehmlichkeiten, die dieses Hotel u.a. mit kostenlosem Saunabesuch und hervorragenden Zimmern bot, versäumten es manche nicht, den historischen Teil der Altstadt noch kurz zu betrachten. Das Rathaus, in dem die Gruppierungen der vorwiegend protestantischen Führer das Ende des Dreißigjährigen Krieges verhandelten, war genauso ein Anziehungspunkt wie die Giebelhäuser und der Dom.

Am Tag der Heimfahrt lag noch Münster auf der Strecke. Schon bei der Planung der Reise hatte sich Münster als Zwischenstopp angeboten, obwohl das Westfalenland aus oben bekannten Gründen nie zu Rom gehörte. Dennoch kann man solch eine Stadt nicht so einfach links liegen lassen. Auch hier war eine Führung durch Münsters Stadtgeschichte ein für alle willkommenes Muß; denn auch ein Münsterkenner wird bei solchen Gelegenheiten immer noch ein paar ihm unbekannte Einzelheiten kennen lernen. Trotz der 90-prozentigen Zerstörung der Altstadt Münsters im Zweiten Weltkrieg ist der historisch getreue Wiederaufbau so gut gelungen, dass eine Karte mit der Stadtansicht aus dem 18. Jahrhundert  durchaus auch heute noch zur Orientierung dienen könnte. Spannend auch die unselige Zeit der Wiedertäuferbewegung, deren Bemühungen, aus dem katholischen Münster ein fundamentalistisches nach dem Alten Testament ausgerichtetes „Königreich Gottes“ nicht von Erfolg gekrönt waren und deren hingerichtete Protagonisten in den Käfigen hoch oben in dem Turm der Lambertikirche ihr unseliges Ende gefunden hatten. Auch das Rathaus, neben Osnabrück ein noch bekannterer Sitz des Westfälischen Friedens von 1648, bot für die kompetente junge Führerin den willkommenen Anlaß für ungezählte Einzelheiten aus dem Ablauf der Verhandlungsjahre. Der Dom war wegen Renovierungsarbeiten leider gesperrt; dafür konnte sich der Besucher des Domplatzes über den überregional berühmten Markt freuen. So sah man manch einen aus der Gruppe, der sich für Zuhause mit holländischem Käse oder Glandorfer Spargel eingedeckt hatte.

Diese Exkursion hatte wieder einmal gezeigt, dass sich die Verbindung anspruchsvoller Themen aus römischer Vergangenheit mit einer Planung von gewissen Unterhaltungsmomenten immer lohnt. Diese Gruppe jedenfalls schaut schon erwartungsvoll ins nächste Jahr, mit welchem Thema der „Freundeskreis Römerkanal“ zu einer Exkursion lockt.

Rolf Greiff, im Mai 2012

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